Informationsethik und kritische Medientheorie
Seit einiger Zeit setze ich mich mit einer kritischen Medientheorie auseinander.
Genau genommen beschäftigt mich die Kybernetisierung der Gesellschaft. Ich
versuche, den Begriff der Verdinglichung erneute stark zu machen, der hier
angebracht scheint. Verdinglichung ist eine Seinsverfehlung. Axel Honneth hat
dazu kürzlich ein kleines Büchlein verfasst (Honneth: Verdinglichung.
Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2005). Hinter einigen der algorithmischen Methoden
der BenutzerInnen-Modellierung (user modelling) sehe ich eine Verdinglichung.
Man könnte salopp und vielleicht etwas krass formulieren, dass die Antizipation
der Entscheidungen der BenutzerInnen Letztere zu einer Abnickmaschine degradieren.
Virales Marketing ist nur ein Anwendungsbeispiel, bei dem die Memetik eine maßgebliche Rolle spielt. Hier wird versucht, die Vorlieben der Internetbenutzer zu detektieren und außerdem zu modellieren, wie sich die beliebten Themen ausbreiten, um schließlich eine optimale Strategie der Manipulation ermitteln. Zunächst findet ein Monitoring der Themenflusses insbesondere in der leicht zugänglichen Blogosphäre statt. Hierbei werden die Themen (man spricht von Memen) und deren Ausbreitung detektiert und anschließend durch Anwendung von Netzwerkmodellen modelliert.
Hintergrund dieser relativ jungen Anwendung ist die Modellierung von Mundpropaganda und Gerüchten. Vor allem Malcolm Gladwell (The Tipping Point. Little, Brown and Company, Boston, 2000) ist es zu verdanken, dass das Thema plötzlich so virulent ist. In seinem Buch Tipping Point wirbt er für die Idee, das Phänomen Mundpropaganda intensiver zu untersuchen und systemtheoretisch zu modellieren, um Marketing zu optimieren. Schon vor Gladwell war bekannt, dass die epidemiologischen Gleichungen zur Beschreibung der Dynamik von Infektionen bestens geeignet sind, um auf Mundpropaganda übertragen zu werden. Um eine empirische Evidenz zu haben, müssen die durch Mundpropaganda verbreiteten Inhalte irgendwie gemessen werden. Das geht dann einfach, wenn man sich nicht nur verbal, sondern über Signifikanten wie Texte, Videos, Bilder etc. ausdrückt und diese womöglich im Internet verteilt. Dann lässt sich die Dynamik sehr gut anhand der Empirie validieren und Modelle der Verbreitung von Memen aufstellen, wie man die Inhalte nicht nur der Mundpropaganda, sondern Denkinhalte, Meinungen und dergleichen im Allgemeinen bezeichnet. Meme sind laut Richard Dawkins die Grundeinheiten einer kulturellen Evolutionstheorie, wie die Gene die Einheiten der biologischen Evolution sind. Ihre Vermehrung verläuft also wie eine Virenausbreitung, weshalb Dawkins in Bezug auf Religion abfällig von "Viren des Geistes" spricht. Die Ausbreitung der Viren erfolgt in einem sozialen Netzwerk, auch hier wieder in voller Analogie zu den biologischen Viren. Personen, die in engem Kontakt stehen, geben die Viren weiter. Epidemiologische Theorien und Netzwerkdynamiken verhelfen also zu einer immer besseren Modellierbarkeit der Ideenausbreitung, vor allem im Internet, weil perfekt detektier und messbar.
Jenseits der Manipulation der "breiten Masse" spielen die selben algorithmischen Verfahren bei der vermeintlichen Objektivierung von Diagnosen in der Medizin und anderen Bereichen eine Rolle. Ich habe hierzu folgende Artikel publiziert:
Virales Marketing ist nur ein Anwendungsbeispiel, bei dem die Memetik eine maßgebliche Rolle spielt. Hier wird versucht, die Vorlieben der Internetbenutzer zu detektieren und außerdem zu modellieren, wie sich die beliebten Themen ausbreiten, um schließlich eine optimale Strategie der Manipulation ermitteln. Zunächst findet ein Monitoring der Themenflusses insbesondere in der leicht zugänglichen Blogosphäre statt. Hierbei werden die Themen (man spricht von Memen) und deren Ausbreitung detektiert und anschließend durch Anwendung von Netzwerkmodellen modelliert.
Hintergrund dieser relativ jungen Anwendung ist die Modellierung von Mundpropaganda und Gerüchten. Vor allem Malcolm Gladwell (The Tipping Point. Little, Brown and Company, Boston, 2000) ist es zu verdanken, dass das Thema plötzlich so virulent ist. In seinem Buch Tipping Point wirbt er für die Idee, das Phänomen Mundpropaganda intensiver zu untersuchen und systemtheoretisch zu modellieren, um Marketing zu optimieren. Schon vor Gladwell war bekannt, dass die epidemiologischen Gleichungen zur Beschreibung der Dynamik von Infektionen bestens geeignet sind, um auf Mundpropaganda übertragen zu werden. Um eine empirische Evidenz zu haben, müssen die durch Mundpropaganda verbreiteten Inhalte irgendwie gemessen werden. Das geht dann einfach, wenn man sich nicht nur verbal, sondern über Signifikanten wie Texte, Videos, Bilder etc. ausdrückt und diese womöglich im Internet verteilt. Dann lässt sich die Dynamik sehr gut anhand der Empirie validieren und Modelle der Verbreitung von Memen aufstellen, wie man die Inhalte nicht nur der Mundpropaganda, sondern Denkinhalte, Meinungen und dergleichen im Allgemeinen bezeichnet. Meme sind laut Richard Dawkins die Grundeinheiten einer kulturellen Evolutionstheorie, wie die Gene die Einheiten der biologischen Evolution sind. Ihre Vermehrung verläuft also wie eine Virenausbreitung, weshalb Dawkins in Bezug auf Religion abfällig von "Viren des Geistes" spricht. Die Ausbreitung der Viren erfolgt in einem sozialen Netzwerk, auch hier wieder in voller Analogie zu den biologischen Viren. Personen, die in engem Kontakt stehen, geben die Viren weiter. Epidemiologische Theorien und Netzwerkdynamiken verhelfen also zu einer immer besseren Modellierbarkeit der Ideenausbreitung, vor allem im Internet, weil perfekt detektier und messbar.
Jenseits der Manipulation der "breiten Masse" spielen die selben algorithmischen Verfahren bei der vermeintlichen Objektivierung von Diagnosen in der Medizin und anderen Bereichen eine Rolle. Ich habe hierzu folgende Artikel publiziert:
- Hans H. Diebner: Kunstvergessenheit. Oder: Die systemwissenschaftliche Vernutzung von Kunst. In: Jürgen Schläder und Franziska Weber (Hrsg.): Gegenwelten. Zwischen Differenz und Reflexion - Momentaufnahmen vom Festival Dance. Henschel-Verlag, Leipzig, 2009, Seiten 84-121.
- Hans H. Diebner: Cultural Evolution and the Internet. Paper präsentiert auf der Konferenz Mutamorphosis - Challenging Arts and Sciences. Prague, 8th - 10th of November 2007.
- Hans H. Diebner: Bilder sind komplexe Systeme und deren Interpretationen noch viel komplexer: Über die Verwandtschaft von Hermeneutik und Systemtheorie. In: Inge Hinterwaldner und Markus Buschhaus (Eds.): The Picture's Image. Wissenschaftliche Visualisierung als Komposit. Fink-Verlag, München, 2006, pp. 282-299.
- Hans H. Diebner: Von guten Algorithmen und schlechten Menschen. In: Barbara Könches und Peter Weibel (Hrsg.): UnSICHTBARes - kunst_wissenschaft. Benteli-Verlag, Bern, 2005, pp. 384-405.
Auf eine ähnliche Diagnose kommt Bernard Stiegler in "Die Logik
der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien." (2008) und
im Nachfolgeband "Von der Biopolitik zur Psychomacht" (2009). Stiegler
nennt das, was ich Vorurteilsbestätigungsmaschinen nenne, pharmakon
oder Psychotechnik. Dies waren die Techniken der Sophistik, die ja
bekanntlich durch Sokrates (vor allem in den Dialogen bei Platon) zu
überwinden versucht wurde und zur Konstituierung der Philo-sophie
führte. Es handelt sich bei der Sophistik um eine populistische
Aufmerksamkeitslenkung, um eine Meinungsproduktion. Stiegler ist
dahingehend sicher recht zu geben, dass das Internet, aber auch schon
die elektronischen Massenmedien davor und eigentlich auch das Buch,
genau genommen keine Wissensmedien, sondern Meinungsmedien sind.
Stiegler diagnostiziert eine psychische Destruktion der Gesellschaft
durch die Psychomacht der Neuen Medien (pharmakon, Psychotechniken) und
einen resultierenden Verlust der Aufklärung und versucht diesem, durch
eine erneute Stärkung der platonischen Dialektik, d.h. konkret durch
eine Logik der (Selbst-)Sorge (epimeleia) Paroli bieten zu können. Die
viralen Strategien toppen hierbei alles, was bisher da war, in Richtung
Ausbildung eines sehr ernstzunehmenden
Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms.
Schon Martin Heidegger sah in der Technizität des Menschen ein Prinzip seines Niedergangs, jedoch nicht ohne in seinem berühmten Hölderlin-Zitat zum Ausdruck zu bringen, dass die Gefahr gleichzeitig zu einem Prinzip des Rettenden wird. Bernard Stiegler meint zwar, dass Heidegger selbst mit seiner Philosophie dieser Fragestellung hat nie die Stirn bieten können. Er wirft nämlich Heidegger vor, zur Mystagogie der Sophisten zurück gekehrt zu sein. Ich wiederum frage mich, ob Stiegler nicht beginnt, in dieselbe Endlosschleife der Dialaktik der Aufklärung zu geraten, wie sie der Frankfurter Schule zum Verhängnis wurde. Letzlich aber liegen Heidegger, der bekanntlich selbst das Prinzip der Sorge in den Mittelpunkt seiner Philosphie stellte und die medienkritische Analyse von Stiegler sehr dicht beieinander.
Nun folgt erst einmal eine Linksammlung zu relevanten Seiten, die eine Art Merkzettel für mich darstellen. Ich werde diese in Kürze besser strukturieren und ausführlicher kommentieren.
Schon Martin Heidegger sah in der Technizität des Menschen ein Prinzip seines Niedergangs, jedoch nicht ohne in seinem berühmten Hölderlin-Zitat zum Ausdruck zu bringen, dass die Gefahr gleichzeitig zu einem Prinzip des Rettenden wird. Bernard Stiegler meint zwar, dass Heidegger selbst mit seiner Philosophie dieser Fragestellung hat nie die Stirn bieten können. Er wirft nämlich Heidegger vor, zur Mystagogie der Sophisten zurück gekehrt zu sein. Ich wiederum frage mich, ob Stiegler nicht beginnt, in dieselbe Endlosschleife der Dialaktik der Aufklärung zu geraten, wie sie der Frankfurter Schule zum Verhängnis wurde. Letzlich aber liegen Heidegger, der bekanntlich selbst das Prinzip der Sorge in den Mittelpunkt seiner Philosphie stellte und die medienkritische Analyse von Stiegler sehr dicht beieinander.
Nun folgt erst einmal eine Linksammlung zu relevanten Seiten, die eine Art Merkzettel für mich darstellen. Ich werde diese in Kürze besser strukturieren und ausführlicher kommentieren.
SITES, DIE SICH MIT THEMEN-MINING AUSEINANDER SETZEN:
HP Information Dynamics Lab
Text Mining und Anwendungen
BLOGVIZ - Mapping the Dynamics of Information Diffusion in Blogspace
Zukunft betrieblichen Wissens: Kompetenzmanagement und Business Value Chain
Applications of Social Network Analysis 2005
MS Demographics Prediction
IRMA Med Bilddatenbank
Computer Euthanasie
visone: analysis and visualization of social networks
EBM
SITES RELATED TO VIRAL MARKETING:
WEBLOGS / NEWS / WIKIS ON VIRAL MARKETING AND RELATED TOPICS:
Guerilla-Werbung stürzt Boston ins Chaos
Studie: Blogger sind "investigative Multiplikatoren"
Virales Marketing - Wiki-Definition
Mem - Wiki-Definition (deutsch)
Meme - Wiki-Definition (englisch)
Portals and KM: Information Diffusion through Blogs, November 15, 2004
gridpatrol
ethority
viral marketing
Die USA viral
Guerillia Marketing Blog
MemeMapper
ARTICLES AND BOOKS AND THESES:
Frederik Hermann: Virales Marketing. Diplomarbeit Universität Karlsruhe, 2004.
Malcolm Gladwell: The Tipping Point. Little, Brown and Company, Boston, 2000.
Daniel Gruhl, R. Guha, David Liben-Nowell, and Andrew Tomkins: Information Diffusion Through Blogspace. In: Stuart Feldman, Mike Uretsky, Marc Najork and Craig Wills (Eds.): WWW '04: Proceedings of the 13th international conference on World Wide Web. ACM Press, New York, NY, USA, 2004, pp. 491-501.
David Kempe, Jon Kleinberg and Eva Tardos: Maximizing the Spread of Influence Through a Social Network. In: (Ed.): Proceedings of the ninth ACM SIGKDD international conference on Knowledge discovery and data mining. ACM Press, New York, NY, USA, 2003, pp. 137-146.
Evgeniy Gabrilovich and Shaul Markovitcht: Computing Semantic Relatedness using Wikipedia-based Explicit Semantic Analysis (pdf)
Eytan Adar, Li Zhang, Lada A. Adamic, Rajan M. Lukose: Implicit Structure and the Dynamics of Blogspace
Jacob Goldenberg, Barak Libai and Eitan Muller: Talk of the Network: A Complex Systems Look at the Underlying Process of Word-of-Mouth
SURVEILLANCE AND BAYES:
Autonomy
Autonomy und Co im Einsatz (Telepolis Artikel)
Wired über Autonomy
Big Brother in Olympia
Computer ermittelt Strafmaß
Bestrafbare Bots
Anonymisierung
Lauschangriff auf Internetbenutzer
YouTube will Nutzerdaten sammeln
Autonome Waffen