Hans H. Diebner's Research
Molecular Dynamics Simulations
(An English version will follow soon!)Eine mikroskopische Simulation eines chemischen Oszillators mit 200
Teilchen und 3 Spezies wird diskutiert. Ein solcher Oszillator wurde
ursprünglich von Diebner und Rössler
beschrieben (wobei über 1000 Teilchen benutzt wurden). Der
faszinierende Aspekt dieser Simulation ist, dass sie in exakt
reversibler Weise durchgeführt wurde. Zu diesem Zweck wurde ein
Verlet-artiger Algorithmus
abgeleitet, der auf dem bekannten Prinzip der kleinsten Wirkung beruht
und daher mit Berechtigung "diskrete Newtonsche Bewegungsgleichung" genannt
werden kann.
Um thermodynamische Eigenschaften von physico-chemischen
Systemen im Sinne einer statistischen Mechanik zu untersuchen, stellt
die Molekulardynamiksimulation (MDS) eine besonders elegante Lösung
dar. Um dies jedoch konsistent durchzuführen, müssen adäquate
numerische Methoden bereitgestellt werden. Das haben bereits Orban und
Bellemans (Phys.Lett., 24A, 620 (1967)) vor 40 Jahren festgestellt. Sie bemerkten eine "numerische
Dissipation" bei mikroskopisch simulierten Gasen als Auswirkung der
Rundungsfehler. Allerdings hat es bis 1993 gedauert, bis dieses Problem
erneut in Angriff genommen wurde. Siehe hierzu Diebner (Diplomarbeit) und
davon unabhängig Levesque und Verlet (J.Stat.Phys. 72, 519 (1993)).
Nun ist die Basis gegeben, um konsistente Überprüfungen der
thermodynamischen Gesetze vorzunehmen. Eine Trajektorie im
6N-dimensionalen Phasenraum eines N-Teilchen-Systems kann exakt
zurückverfolgt werden. Erstaunlicherweise kann auch ein nicht-triviales
oszillierendes chemisches Reaktionssystem damit reversibel simuliert
werden. Im Folgenden sind einige Resultate einer solchen MDS wiedergegeben.
Fig 1:
Energie (willkürliche Einheiten) gegen die Zeit in einer 200-Teilchen
Simulation eines chemischen Oszillators
mit drei verschiedenen Spezies A,B und C, die miteinander in einer
zyklischen autokatalytischen Weise reagieren. Beachten Sie, dass die
Gesamtenergie (blauer Graph) (fast) exakt erhalten bleibt, obwohl das
Potential (und damit die kinetische Energie) ganz erheblich
fluktuieren. Die Fluktuation der Gesamtentergie ist vernachlässigbar
und es gibt absolut keine säkulare Drift. Dies ist die Konsequenz des
exakt reversible Verlet-artigen Algorithmus,
der aus einem Variationsprinzip heraus, angewandt auf die diskrete Raum-Zeit, abgeleitet wurde.
Fig 2:
Entropie (willkürliche Einheiten) gegen die Zeit derselben 200-Teilchen MDS wie oben.
Fig 3:
Konzentrationen (Teilchenanzahl) der drei Spezies, die in die 200-Teilchen-Simulation
des chemischen Oszillators involviert sind. Da die Gesamtzahl der
Teilchen erhalten ist, summieren sich die einzelnen Häufigkeiten stets
zu 200 auf. Da die Gesamtanzahl der Teilchen sehr gering ist, ergibt
sich eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, das eine der Spezies nach
einigen Zyklen ausstirbt. Spezies A stirbt hier nach 18 Zeiteinheiten
aus, was zum unmittelbaren Verschwinden auch von Spezies C führt. In
einer deterministischen makroskopischen Simulation unter
Homogenitätsannahme kann dies nicht vorkommen. Natürlich kann man in
solch einem Fall stochastische Terme hinzufügen. Dazu müssen aber
apriori Annahmen zur Statistik gemacht werden, die hier aber untersucht
werden sollen. Dies geht, weil bei exakt reversiblen MDS eben keine
solchen apriori Annahmen gemacht werden müssen. Es handelt sich um eine
Simulation nach "ersten Prinzipien", was als wichtigster Vorteil der
MDS erachtet werden kann. Die riesige Rechenzeit (und Speicherbedarf)
ist der gewichtigste Nachteil.
Die obige kurze Einführung fasst Aspekte meiner Arbeit aus den Jahren 1992-1999 zusammen. MDS war das Thema meiner Doktorarbeit. Immer noch gehört es zu meinen favorisierten Themen wegen dem fundamentalen Mikro-Makro-Interface-Problems. Es ist gewissermaßen der Prototyp eines allgemein zu fassenden Interface-Problems. Über ein Interface findet eine Kommunikation zwischen zwei (abstrakten) Wirkungshalbräumen statt. Für einen Menschen gilt am Interface, dass dort eine Semantik geniert wird, über die die abstrakte Qualtität des anderen Halbraums verstanden werden kann. Über das Interface findet also ein Interpretation dessen statt, was auf der anderen Seite kodiert vorliegt - also ein hermeneutischer Prozess. Vergleiche hierzu meine Ausführungen zur "operationalen Hermeneutik" über die Erkenntnisgenerierung, die auf der kontinuierlichen Oszillation zwischen den beiden Halbebenen beruht, um "Realität" zu explorieren. Die Ebenen der Beschreibung sind überlicherweise durch kohärente Theorien verbunden, die durch Konsistenzargumente validiert werden. Im Jahre 2005 kam ich noch einmal auf das Thema zurück und widmete ihm einen Artikel über Indistinguishability and Time's arrow.