Hans H. Diebners Forschung

Kognitive Systeme und Gehirndynamik

Mein Interesse an Gehirndynamiken und kognitiven Systemen ist eng mit dem Konzept der "operationalen Hermeneutik" verknüpft. Semantische Suchmaschinen im Internet oder Spamerkennung sind konkrete Beispiele für operationale Hermeneutik. Textinterpretationen sowie Interpretationen im verallgemeinerten Sinne, d.h. der Prozess des Verstehens, hat der Philosoph Wilhelm Dilthey gegen Ende des 19ten Jahrhunderts als einen mentalen Vorgang erachtet, der mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht hinreichend erfasst werden kann, sondern ein Gegenstand der philosophischen Hermeneutik als Kulturpraxis ist, die zum naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozess komplementär ist. Die Informatik setzt sich nun aber mit Wissens- und Informationswelten auf eine Weise auseinander, bei der die Verstehensprozesse operativ z.B. in Form von "intelligenten" Suchalgorithmen umgesetzt werden. Die Spamerkennung "interpretiert" Texte und multimediale Formen (Bilder, Videos, etc.) für uns zur Entlastung, dasselbe gilt für Pornographiefilter und ähnliches, Zensurfilter aber vielleicht auch gegen uns.

Wegen der Integration von geistes- und naturwissenschaftlich-technischen Methoden spricht man neuerdings in diesem Zusammenhang von einer "dritten Kultur" in Anlehnung an J.P. Snows berühmten Vortrag über die zwei Kulturen (Geistes- und Naturwissenschaft), die nahezu unversöhnlich gegenüber stehen. Es stellt sich erneut die spannende Frage, bis zu welchem Grade Hermeneutik operationalisierbar ist, oder ob nicht am Ende der Interpretationskette doch die menschliche Entscheidung steht oder stehen sollte. Im Zuge immer häufiger stattfindenden automatischen Entscheidungen durch algorithmische Auswertung von Datenbanken ergibt sich ein dringend zu diskutierendes informationsethisches Problem.

Es folgt, dass in meiner Forschungs- und Entwicklungstätigkeit künstliche neuronale Netze und kognitive Systeme immer aus der Perspektive der Unterstützung der menschlichen Kognitionsleistung gesehen werden, jedoch keineswegs als deren Ersatz. Die Prozesse des Gehirns zu verstehen und technisch umzusetzen ist freilich wichtig. Man sollte sich aber im Klaren sein, dass diese Prozesse nur partiell in Form von Algorithmen und technischen Prozessen operationalisierbar sind. Vor allem sollten aber performative Eingriffsmöglichkeiten während des Vollzugs gewährleistet bleiben, so dass die Automaten nicht zum Selbstläufer werden.